LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE
 

Antoinette Hoschet steht auf Volkstänze
und reist nebenbei durch die Welt

 

 Mit Gleichaltrigen über ihr Hobby zu reden, das hat Antoinette Hoschet längst aufgegeben. Auf Kommentare wie „Äh, wie siehst du denn aus, Amish oder was?“ hat die 25-jährige Luxemburgerin keine Lust mehr. „Mein Hobby kommt nicht so super an“, berichtet sie. Dabei erhält sie doch von Passanten auf der Straße und später vom Publikum viele bewundernde Blicke. „Jeder freut sich, sagt ‚oh, schön‘ und es erfüllt sie mit Freude.“ Daher kann sie nicht verstehen, dass das Interesse für diesen Teil der luxemburgischen Identität nicht größer ist. „Ich tanze es, weil ich es liebe und gerne tanze.“

 

 Icon Presse
toinny01
 

Mit Folklore unterwegs

Antoinette hingegen schlüpft regelmäßig und gerne in ihre weiß-fliederfarbene Tracht mit Schürze und Haube: Sie tanzt mit anderen Vereinsmitgliedern mindestens einmal pro Woche alte, luxemburgische Tänze, hinzukommen Auftritte im In- und Ausland. Erst im Sommer waren die Tänzer für drei Wochen für ein internationales Folkloretanztreffen in Mexiko. Pfingsten ging es für zehn Tage nach Italien.

In Luxemburg gibt es drei Folklore-Tanzgruppen: „Uucht la Veillée“ in der Hauptstadt, „La Ronde“ in Bettemburg und „Vallée des sept Châteaux“ in Mersch. Getanzt werden Reihen- und Bauerntänze aus dem 18. und 19. Jahrhundert, insgesamt mehr als 20 historische Weisen, darunter Schibberli, PickPolka, Minnewee, Konterdanz, Eifeler Maklott, Härendanz und Sonndesdanz. Sie basieren meist auf dem Walzergrundschritt. Weil die Tänze nach dem Ersten Weltkrieg in Vergessenheit gerieten, mussten sie von Ethnologen und Musikwissenschaftler rekonstruiert werden.

Bei Auftritten auf Dorffesten im Inland oder Festivals im Ausland tragen die Tänzer neugeschneiderte Trachten von damals. Die beiden Kostüme der Damen, eine städtische Sonntagstracht aus Seide und eine bäuerliche aus Baumwolle, waren Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Mode. Die Tracht der Männer stammt aus der Mitte des 19. Jahrunderts.

Antoinette tanzt seit ihrem sechsten Lebensjahr bei „Vallée des sept Châteaux“. Die Merscher Formation entstand 1952 anlässlich einer Prozession. Die Tänze wurden auf Festivals in 40 Ländern aufgeführt, im Gegenzug waren in Mersch mehr als 35 Nationen, etwa rund 8000 Teilnehmer, als Gast-Gruppen zu Besuch. Das Repertoire umfasst Tänze des 18. und 19. Jahrunderts. Jeder der Tänze erzählt eine kleine Geschichte. Ausschlaggebend für Antoinette war ihr Vater, der im Orchester von „Vallée des sept Châteaux“ Pauke und Trompete spielte. Eines Tages kam er begeistert von einer Reise mit der Gruppe aus Ägypten wieder. „Es hatte ihm so viel Freude bereitet, dass er dachte, es könnte mir und meiner Schwester auch
gefallen“, erzählt Antoinette. Von da an tanzten die Mädchen mit, der Vater spielte im
Orchester.

Damals tanzten allein in der Merscher Gruppe zwischen 50 und 60 Menschen, heute kommen in allen drei Gruppen nur noch rund 40 Leute zusammen. „Viele haben keine Zeit oder keine Lust mehr, ziehen weg, haben viel in der Schule zu tun oder bekommen Kinder“, zählt Antoinette bedauernd auf. Auch Antoinette und ihre Schwester blieben in der Pubertät nicht dabei und der Kontakt zur Gruppe brach ab. Doch im Gegensatz zu ihrer Schwester, die heute in einem Orchester spielt, kam Antoinette nach einer neun Jahren Pause wieder zurück. „Das hat für mich etwas mit Tradition zu tun, es erfülllt mich mit Stolz, wenn ich auf der Bühne stehe und meine Kultur repräsentiere.“

Doch ihre Tanzgruppen könnten mehr Tänzer gebrauchen. „Viele Tänze können wir nicht mehr tanzen, auch weil sich die älteren Tänzer bestimmte Figuren nicht mehr zutrauen.“ Daher ist Tänzern und Musikern jederzeit Nachwuchs willkommen. Geprobt wird gemeinsam, Dienstags mit Anfängern und Donnerstags mit Fortgeschrittenen, jeweils um 20 Uhr. Auch für die Auftritte finden sich alle drei Gruppen zusammen.

toinny02 toinny03

Wie Stars gefühlt

Die Erfahrungen in Mexiko haben die Tanzgruppe besonders motiviert: „Das war der Wahnsinn. Wir wurden behandelt wie Stars, hatten Polizeischutz, waren im Fernsehen, wurden ständig fotografiert“, erinnert sich die junge Folkloretänzerin. Auf den Videos und Fotos, die sie von ihrer Reise gemacht hat, sieht man die großen Plätze vor der Bühne tatsächlich vor lauter Menschen nicht. Aber auch in Luxemburg bekommen die Tänzer bei den regelmäßigen Auftritten zum Nationalfeiertag oder bei den Emaischen viel Applaus. „Daher verstehe ich nicht, dass es so wenig Begeisterung für Folklore als Hobby und nicht mehr Tänzer bei uns gibt.“ Denn die schönen Reisen und die Begeisterung des Publikums, sagt Antoinette, findet man bei keinem anderen Verein.


Infos und Kontakt www.letzfolk.lu